Vilnius, Hauptstadt von Lettland und seit 1994 Teil des Unesco Weltkulturerbes, hat sich in den letzten Jahren zu einem kulturellen Zentrum des Baltikums sowie zu einer echten Gourmet-Metropole entwickelt. Ihre Markenzeichen: Qualität, Kreativität und regionale Identität.
Derzeit dominieren hier vier sehr unterschiedliche Küchen: die traditionelle, klassisch und weitestgehend preiswert, die moderne Küche, offen und kreativ, mit einigen jungen Chefs und Chefinnen am Herd. Dazu sorgen seit etwa zehn Jahren gehobene Restaurants mit Potenzial zu kulinarischen Höhenflügen für Furore. Und im Zuge der Globalisierung entdeckten auch Global Player wie McDonald’s und Burger King die Stadt.
Das alles in Zahlen: Es gibt 406 Gästeunterkünfte, davon 106 Hotels und Pensionen sowie 1344 Gastro-Betriebe, die insgesamt 21.700 Mitarbeitende beschäftigen.
Die traditionelle Küche ist bäuerlich und manchmal rustikal, in der Regel schmackhaft, aber sehr kalorienreich. Die užeiga (Gasthäuser) und anderen smuklė (Tavernen) setzen meist auf Folklore. Die meisten dieser Lokale bieten zum Mittagessen günstige Menüs mit traditionellen Gerichten an, die oft bis 15 oder 16 Uhr serviert werden. Eine Suppe und ein Hauptgericht kosten meist zwischen 5 und 8 Euro. Beliebt sind Cafés (kavinė) und Pubs, in denen Bier und gegrillte Schweineohren serviert werden, so wie in der Alaus Biblioteka, der Bierbibliothek von Vilnius, die rund 300 Sorten Bier ausschenkt und die litauische Braukultur pflegt. Restoranas sind weniger günstig, bieten aber eine größere Auswahl.

Räuchern und fermentieren haben eine lange Tradition. Nicht nur Gemüse wie Gurken oder Zwiebeln erreichen dabei neue Qualitäten, sondern auch Obst, je nach Saison selbst Stachelbeeren und Rhabarber. Šaltibarščiai, jener kalten pinkfarbenen Rote-Bete-Suppe, ist jedes Jahr Ende Mai ein ganzes Fest gewidmet: Das Pink Soup Festival zählt zu den gastronomischen Highlights des Jahres.
Das Festival ist Teil der Aktivitäten im Rahmen von Vilnius als Europäische Grüne Hauptstadt 2025. Bürgermeister Valdas Benkunskas betont, dass bei der Veranstaltung umweltbewusste Konzepte, lokale Produkte und nachhaltige Anreisemöglichkeiten im Fokus stehen. Besucher können die 140 Kilometer langen Radwege der Stadt nutzen oder den öffentlichen Nahverkehr mit der Trafi-App planen.



Vor zwei Jahren eröffnete Asta Petrus ihr Café-Bistro Desertu Klubas, spezialisiert auf Desserts und Frühstück. Was zuerst als Lieferdienst geplant war, entwickelte sich dank starker Nachfrage zu einem Café direkt an der Backstube, obwohl diese in einer absolut unscheinbaren Seitenstraße liegt.
Einen Stopp wert ist Baleboste – ein koscheres Lokal mit Pastrami-Bagels, Lachs, Hummus, „gefilte Fisch“ nach alten Rezepten und einer urbanen Atmosphäre. Es heißt, der Bagel sei in Vilnius erfunden – zumindest wurde er hier erstmals schriftlich erwähnt, bevor er seinen Siegeszug in die Welt antrat und am Ursprung fast vergessen, nun neue Höhenflüge erlebt.
Direkt nebenan lohnt ein Besuch des Halės Markt. Zwischen deftigen Speckseiten und glänzenden Würsten präsentieren regionale Händler das pralle Leben zwischen frischen Gemüsen und Obst, Gurken und Kohl in allen Stufen der Fermentation sowie Nüssen, Gebäck, frisch gerösteten Kaffeebohnen und Streetfood. Natürlich gibt es auch traditionelle Cepelinai, mit Fleisch gefüllte Kartoffelknödel, nur echt mit saurer Sahne, Speck und Zwiebeln.
Das Kontrastprogramm fährt das Restaurant Gaspars. Hier lässt Chef Gaspar Fernandes, geboren in Goa, international inspirierte Speisen in ausgezeichneter Qualität servieren.

Ritterschlag vom Michelin
Erst kürzlich wurde die zweite Ausgabe des Michelin Guide Lithuania vorgestellt und bestätigt Litauens Position als aufstrebende kulinarische Destination. Die diesjährige Ausgabe würdigt 37 Restaurants und setzt dabei besondere Akzente auf Nachhaltigkeit und Preis-Leistungs-Verhältnis.
Gwendal Poullennec, Internationaler Direktor der Michelin Guides, betont: „Litauen ist ein sehr fortschrittlich denkendes Land. Besonders beeindruckend ist, wie Restaurants ihre kulinarischen Traditionen mit nachhaltigen Praktiken verbinden.“
Das nicht nur mit einem Stern, sondern auch mit dem Green Star ausgezeichnete Restaurant Demo zeige zum Beispiel, wie Umweltbewusstsein und kulinarische Exzellenz Hand in Hand gehen können. Chef Tadas Eidukevicius setzt auf Wiederverwertung – von wiederverwendeten Möbeln bis hin zu antikem Besteck der Großeltern. Innovative Techniken reduzieren Abfall und verwerten überschüssige Zutaten. Tagsüber Café und Bistro ist abends Fine Dining angesagt. Sein Menü der Saison „To be a Human“ bringt zehn Gänge auf die Tische der Gäste des kleinen Gastraums, der früher einer Design-Agentur den Rahmen gab.
Als Amuse Gueule lässt er Aspik aus Algen und Jakobsmuschel auftragen, danach Quarkbällchen mir einer Farce aus Räucherfisch. Bei den Gängen danach verschmelzen schon mal die Kulturen, so bei eingelegtem Tintenfisch, Džiugas Käse (das ist litauischer Parmesan), Salzzitrone und Holunderblüten. Eidukevičius‘ Credo dabei: „Es gibt nichts, was man falsch macht, Hauptsache, es schmeckt. Die Natur ist ja auch nicht perfekt!“.
Im puristisch-stylischen Ambiente des Restaurants Augustin wiederum gefällt die zeitgemäße pflanzenbasierte Küche mit mediterranen und nahöstlichen Einflüssen. Hochmotiviert geht auch Deivydas Praspaliauskas an Werk: Der Executive Chef des Restaurants Amandus fusioniert internationale Erfahrungen und Einflüsse mit regionalen Traditionen und Produkten.
Mit der Verdopplung der Bib Gourmand-Auszeichnungen von vier auf acht unterstreicht der Michelin Guide auch die Zugänglichkeit der litauischen Gastronomie. „Dies ist ein Land, das sowohl für Einheimische als auch für Besucher erschwinglich und zugänglich ist“, so Poullennec.
