Was hat Irland nicht alles für klangvolle Beinamen: Grüne Insel, Land des Regenbogens, Golferparadies, Whiskeyland. Heinrich Bölls „Irisches Tagebuch“ war einer der größten Erfolge des Literaturnobelpreisträgers. Ich war mehrmals dort, privat und auf zwei Recherchetouren: einmal zu irischen Farmern, dann wieder, um den Markt für Tagungen und Kongresse zu erkunden.



Die warme Strömung des Golfstroms beschert der Insel von Januar bis Dezember ein ausgeglichenes, mildes Klima ohne extreme Temperaturen – auch wenn die Zahl der Regentage überdurchschnittlich hoch ist. Selbst im Sommer ist es besser, stets eine Regenjacke dabei zu haben. Der Vorteil: Touristen, die unter Urlaub schmoren in der Sonne verstehen, reisen anderswohin.
Nach etwa zwei Stunden Flugzeit taucht man ein in eine andere Kultur, in wunderschöne Landschaften und zu ganz besonders aufgeschlossenen Menschen. Das habe ich in und um die Hauptstadt Dublin erfahren und ebenso im Südosten, Südwesten, in den Grafschaften Cork und Kerry und in der Shannon-Region, in Städten, Dörfern und einzelnen Gehöften, wo wir Bed & Breakfast bei Familien wohnten. Eine wunderbare Gelegenheit, Land und Leute kennenzulernen. Egal, wo man hinkommt: ich habe die Iren ausnahmslos gastfreundlich erlebt. Und bodenständig. Auf einem Bauernhof wurde flux das neugeborene Lamm nach unserem Sohn benannt, auf einem anderen holten ihn die Kinder gleich zum Spielen ab.



Die Möglichkeiten öffentlicher Verkehrsmittel sind begrenzt, flexibler ist man mit einem Mietwagen on tour, mit dem auch abgelegene Gegenden und die traditionellen Umfelder von Herrenhäusern und Schlössern erreichbar sind. Viele der so genannten Manor oder Country Houses befinden sich nach wie vor in Familienbesitz.
Zum Schutz der Natur gibt es auf der Insel sechs Nationalparks, die alle in der Republik Irland liegen. Das erste Schutzgebiet, der Killarney National Park, geht auf das Jahr 1932 zurück. Rund 2000 Hektar groß ist der Connemara-Nationalpark. Ab 1976 auf altem Siedlungsland eingerichtet gilt dieses Schutzgebiet als die wohl unberührteste Landschaft Irlands. Möge es so bleiben! Die anderen Parks entstanden erst in den achtziger und neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, als Irland in Zeiten seines Wirtschaftsbooms erkannte, das es seine einzigartige Landschaft schützen muss. Herzstück des Killarney National Parks bildet das rund 4.300 Hektar große Gut Muckross, das 1932 als Geschenk an den Staat überging. Heute ist der Nationalpark 10.289 Hektar groß. In seinem Territorium liegen die berühmten, von Bergen und Wäldern gesäumten Seen, Eichenwälder und seltene Moorgebiete. Eine Rotwildherde streift durch den Park. Zum kulturellen Erbe gehören zwei ehemalige Herrenhäuser, Muckross House und Killarney House, sowie historische Bauwerke wie Ross Castle, Muckross Abbey und die Muckross Gardens.



Der landschaftlich total schöne „Ring of Beara“ ist ob seiner schmalen, gewundenen Straße neben Felsen nur von „normal großen“ Wagen befahrbar – im Gegensatz zum berühmten „Ring of Kerry“, auf dem auch Busse durchkommen. An einem abgelegenen Hof saßen Hund und Katze friedlich nebeneinander – ohne sich anzufauchen oder anzubellen. Warum auch, fragt man sich …
Weniger allein ist man an den Cliffs of Moher im County Clare. Die Anziehungskraft des Naturmonuments ergänzt ein Visitorcenter. Die für 31,5 Mio. Euro gebaute Anlage des Besucherzentrums mit Restaurant, Café, Ausstellungsräumen und Shop wurde in das Innere der Klippen versenkt und lugt jetzt wie das Cockpit einer fliegenden Untertasse mit Panoramascheiben über die einzigartige Gesamtszenerie. Die während er Bauarbeiten entfernte Grashaube wurde dem Hügel wieder aufgesetzt. Mit der neuen Umfriedung aus Steinplatten und Aussichtsbuchten wurde nunmehr an den 250 Meter langen South Cliffs gleichzeitig für mehr Sicherheit an den nur dünn überwachsenen Abgründen gesorgt. Parallel entstand ein maritimer Lehrpfad über dem Atlantik. Einblicke in die Geohistorie der Klippen gibt die Multimedia-Ausstellung. Der sagenhafte Ausblick über die Atlantic Edge und den tobenden Ozean ist nun selbst bei schwieriger Wetterlage möglich.



In Galway sollte man sich nicht entgehen lassen, im Hafen fangfrische Austern zu schlürfen. Und was wäre Irland ohne seinen Whiskey, ohne Guiness, Kilkenny und seine Pubs? Man kann sich hier einfach niederlassen und bei irish Folk dieses in Europa so gern kopierte Lebensgefühl im Original erleben. Was das irische vom schottischen „Lebenswasser“ außer dem „e“ unterscheidet? Aufklärung gibts bei einem Tasting: „Die Gerste für den irischen Whiskey wird in geschlossenen Anlagen mit rauchlosem Brennstoff getrocknet, das Getreide für den schottischen Whisky über offenem Torffeuer. Dabei nimmt es Rauchgeschmack an. Scotch wird in der Regel einmal gebrannt, Irish stets dreimal.“ Da dabei jedes Mal Fuselstoffe verbrannt werden, sei er absolut rein. Wenn ein Tasting nicht ausreicht, kann man auf einen Trip zum Whiskey gehen. So eine „Whiskey-Rundreise“ könnte in Dublin in der Irish Whiskey Corner/Old Jameson Distillery beginnen, denn dort wird die Geschichte dieses edlen Tropfens erzählt. Irische Mönche brachten die Destilliertechnik vor mehr als tausend Jahren aus dem Nahen Osten mit, wo auf diese Weise Parfum hergestellt wurde. In dem Fabrikgebäude von 1780 wurde einst Jameson destilliert.



Nach John Jameson ist auch das Jameson Heritage Centre in Midleton benannt. Die einst von Wasserkraft betriebene Anlage wurde restauriert und ist heute der einzige Industriekomplex dieser Art auf den Irisch-Britischen Inseln. Neben den historischen Mauern entstand die – für Besucher nicht zugängliche – moderne Whiskey-Brennerei. 1757 erhielt in Kilbeggan, County Westmeath ein Brenner seine Lizenz. Mehr als zweihundert Jahre lang reifte dort irischer Whiskey in großen Fässern heran. Heute ist Locke’s Distillery ein Museum zur Whiskey-Herstellung. Das alte Wasserrad treibt wieder die restaurieren Maschinen an. Dann wäre da noch Tullamore Dew, benannt nach dem Ort der Brennerei und ihrem Besitzer Daniel Edmond Williams. In seinem einstigen Lagerhaus entstand das Tullamore Dew Heritage Centre, ein historisches Museum, in dem auch noch einige Fässer Whiskey reifen. Gebrannt wird in Tullamore nicht mehr, dennoch steht am Ende des Rundgangs auch hier eine Whiskey-Kostprobe parat – wahlweise auch ein Irish Mist Likör.
Die einzige öffentliche noch arbeitende Whiskey-Brennerei gilt zugleich als weltweit älteste ihrer Art: Old Bushmills Distillery erhielt die Lizenz 1608. Die heutige Anlage, eine der beliebtesten Sehenswürdigkeiten im Norden, nur eine knapp zwei Kilometer vom Giant’s Causeway gelegen, entstand nach einem verheerenden Feuer im Jahr 1885.



Drei Sätze noch zu Golf. In Irland wird seit mehr als 100 Jahren Golf gespielt. Golfer haben die Auswahl unter rund 450 Anlage – gemessen an der Größe des Landes eine beachtliche Zahl. Alle sind einzigartig. Auf dem zum Killarney Golf & Fishing Club gehörenden Greens spielt man zum Beispiel entlang der Killarney Lakes mit den höchsten Bergen Irlands im Hintergrund. Und: Da Golf in Irland Volkssport ist, muss man kein passionierten Golfer sein, um hier den Schläger zu schwingen. Auch Gelegenheitsspieler und Einsteiger sind willkommen. Nirgendwo ein Schild „Members only“ gesichtet …
